Innerhalb der Gruppe herrscht von Anfang an keine gute Stimmung. Zwei haben sich vor dem Urlaub schon kennengelernt, verbergen es aber vor den anderen – für einen von ihnen unter demütigenden Umständen. Über den Beruf wird beim Wandern nicht geredet, und doch verbindet einige Mitglieder der Gruppe, ohne dass sie es voneinander wissen, eines: Die quälende Angst vor Jobverlust und dem zwangsläufig folgenden sozialen Abstieg. Die unterschwelligen Feindseligkeiten verstärken sich mehr und mehr. Die Natur zeigt nicht ihre liebliche, sondern ihre unheimliche Seite, und alle fühlen sich bedroht, selbst die Großmäuler in der Gruppe, die es nicht zugeben wollen. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht in der Natur.

Regina Nössler, aufgewachsen in Herten, studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Sie lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin. Dies ist ihre 13. Buchveröffentlichung.

Leseprobe

Als Eva dachte, der höchste Punkt sei schon erreicht, sah sie, dass sie sich getäuscht hatte. Vor ihnen lag ein kurzer schmaler Abschnitt, zwei, höchstens drei Meter lang, aber links und rechts davon ging es steil in die Tiefe. Diesen Abschnitt galt es auf dem Weg zur Spitze erst zu überwinden. Der Wind hob Eva fast von den Füßen, und sie musste sich mit aller Macht dagegenstemmen. Sie spürte, wie ihr Herz klopfte. Für die Wanderungen sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich. Nur nicht nach unten sehen, ermahnte sie sich, das war doch der Trick. Markus und Carina hatten diesen Abschnitt längst hinter sich gebracht und nun rund zehn Meter Vorsprung vor dem Rest der Gruppe.
Sabine und Holger, die sich die ganze Zeit beklagt hatten, es gehe ihnen zu langsam voran, marschierten Stöcke schwingend vorneweg. Sie würden diesen schmalen Pfad mit Leichtigkeit passieren. Holger war bereits auf der anderen Seite angelangt, wo der Weg wieder breiter und bequemer wurde. Sabine folgte ihm mit sicherem, stetem Schritt, als ihr Fuß plötzlich ins Rutschen geriet.
Eva hatte das lose Geröll unter Sabines Schuh gesehen, hatte »pass auf!« rufen wollen, doch da war es bereits geschehen. Sabine konnte sich nicht halten und rutschte immer weiter nach unten. Wahrscheinlich ging es rasend schnell, doch Eva nahm es wie in Zeitverzögerung wahr; gestochen scharf und überdeutlich erkannte sie all die kleinen Details, das bunte Tuch auf Sabines Kopf, ihre geschmackvolle Wanderhose, um die Eva sie ein wenig beneidete, das Bein in der Wanderhose, das wegknickte, die vielen schwarzen Steine, die hinterherrutschten, das karierte Hemd, den Stock, der Sabine aus der Hand fiel und unaufhaltsam nach unten rollte, auf seinem Weg dorthin von einem Fels abprallte und lustig auf- und abhüpfte – dreißig Euro, dachte Eva, der Stock hat mindestens dreißig Euro gekostet, wenn Sabine und Holger nicht gar fünfzig dafür ausgegeben hatten –, der Stock rollte und taumelte scheinbar lautlos, denn der pfeifende Wind übertönte alle anderen Geräusche. Dann, erst dann kam der Schrei, und er war lauter als der Wind.

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