Berlin, 6. November 2016 (Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Schöttler, verehrte Gäste,

ich komme gerade aus Thüringen, wo gestern in Erfurt der Festakt zur Eröffnung der 3. Hirschfeld-Tage stattfand. Es ist mir eine große Freude und ich bin Ihnen dankbar dafür, heute hier zur Ehrung von Hilde Radusch durch den Berliner Senat sprechen zu dürfen.

Hilde Radusch ist eine von vier Persönlichkeiten, die wir aktuell mit einer Postkartenkampagne in elf Städten in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt würdigen. Sie verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Aschersleben und in Weimar. Am 11. November um 19 Uhr werden wir in der Stadtbücherei Weimar im Rahmen der Hirschfeld-Tage gemeinsam mit dem Landesfrauenrat Thüringen an Hilde Radusch erinnern.

Hilde Radusch gehört zu den bedeutenden Persönlichkeiten unserer Emanzipationsbewegungen. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld möchte dazu beitragen helfen, das Leben und Werk Hilde Raduschs sowie das Leben und die gesellschaftlichen Lebenswelten lesbischer Frauen wissenschaftlich zu erforschen und darzustellen. Dazu gehört auch unser Zeitzeug_innen-Archiv der anderen Erinnerungen, für das bereits 16 lesbische Frauen uns ihre Lebensgeschichten erzählt haben.

Ich danke Miss Marples Schwestern, dem Feministische Archiv FFBIZ, Berlin Frauentouren, dem Spinnboden Lesbenarchiv und allen weiteren Netzwerkerinnen, die sich unermüdlich zur Spurensuche von Frauengeschichte engagieren – allen, die einen entscheidenden Beitrag – innerhalb unserer Community und in der Mehrheitsgesellschaft – leisten, dass Hilde Radusch nicht in Vergessenheit gerät, dass über ihr Leben geforscht wird, und dass es nun Teil des kollektiven Gedächtnisses wird. Stellvertretend für die Würdigung des Werks von Hilde Radusch möchte ich Ilona Scheidle danken, mit der ich seit Jahren eng und vertrauensvoll zusammenarbeite.

Hilde Raduschs Lebenswerk und ihr Kampf gegen den Faschismus sind aktueller denn je, wenn wir uns den Rollback in Deutschland, ja in ganz Europa anschauen: Sie lebte uns vor, nicht „Opfer zu sein, sondern immer Kämpferin“. Als ich vor zwei Wochen auf Facebook Hilde Radusch eine „Legende“ nannte, was ich nicht despektierlich, sondern wertschätzend meinte, warf mir jemand vor, unsere Stiftung wolle Hilde Radusch „vereinnahmen“. Im Gegenteil: Wir würdigen Hilde Radusch. Privilegierte Cis-Männer brauchen keinen Platz im Feminismus. Sie können ihren Status nutzen, um antisexistische Themen in der Mehrheitsgesellschaft sichtbarer zu machen. Es ist daher auch die Verantwortung von schwulen Männern wie mir, die eine leitende Position haben, von staatlichen Einrichtungen und von NGOs, wann immer möglich, die Unsichtbarkeit und die Diskriminierung von Frauen, von Lesben, von Trans*-Personen zu thematisieren und gegenüber der Politik und Mehrheitsgesellschaft zu kritisieren. Dabei geht es nicht darum, den zentralen Aktivistinnen Raum zu nehmen, sondern eine Verantwortung ernst zu nehmen, wann immer möglich, den Aktivistinnen den Raum und die Wertschätzung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht. Diese Verantwortung möchte auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wahrnehmen, wenn sie die Errungenschaften von Hilde Radusch würdigt. Wie sagte Hilde Radusch doch gerne: „Die Linie ist entscheidend!“ Es geht uns darum, diese Errungenschaften an all die Orte zu tragen, die wir mit den Möglichkeiten einer Bundesstiftung leichter erreichen können, aber auch dafür zu sorgen, dass zukünftig vor allem diejenigen Protagonistinnen, die hier sehr viel Arbeit investiert haben, mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren.

Erstmals bekommt eine frauenliebende, eine lesbenpolitische Akteurin ein Ehrengrab. Auch hier ist Hilde Radusch wieder einmal eine Wegbereiterin: Erster Gedenkort für eine im Nationalsozialismus verfolgte, lesbisch lebende Frau, und nun ein Berliner Ehrengrab. Für den Gedenkort haben viele von Ihnen über Jahre gekämpft, das Ehrengrab wurde nach mehrjähriger Überzeugungsarbeit nun möglich. Hilde Radusch gehört für mich in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Karl Heinrich Ulrichs, Magnus Hirschfeld, Johanna Elberskirchen und Lilly Elbe.

Hilde Radusch brachte es auf den Punkt: „Ich will ja nur mein Menschenrecht, das Recht auf meinen Schatz!“.

Danke Hilde Radusch.

Wir verneigen uns heute vor ihrem Grab.

 

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