Gelingt es einer Schriftstellerin, Handlungen und Story im Ganzen so greifbar zu schildern, dass einem Schauer über den Rücken jagen, sich Gänsehaut auf den Armen bildet und Tränen in den Augen zeigen?

Und abschließend – ist es besagter Autorin dazu tatsächlich noch möglich, der Geschichte dann den sehnsüchtig erwarteten „lesbischen Touch“ angedeihen zu lassen, der doch so unverwechselbar zu ihren Büchern gehört; mit Herzschmerz und einer glaubhaft erwachenden Liebe, deren Entstehung so viel weniger utopisch ist, als der visionäre Hintergrund des Romans auf den ersten Blick hin selbst noch vermuten lässt?

Nachdem ich „Eden One“ von Martina Bernsdorf gelesen habe, kann ich all das nur bejahen.

Der Roman befasst sich stark mit der humanen Zukunft in Forschung und Entwicklung, ist dabei aber bei Weitem näher am Hier und Jetzt, als man vielleicht anhand der Inhaltsangabe annehmen würde.
In der kompletten Erzählung finden sich weltliche Themen, die aktueller nicht sein könnten, die aber alles andere als erdgebunden sind – Genforschung auf unterschiedlichen Gebieten sei an dieser Stelle stellvertretend nur nebenbei erwähnt.
Konflikte auf der Erde, von denen das Team auf Eden One aus der orbitalen Distanz erfährt, werfen die Protagonisten und deren geregeltes Leben komplett aus der Bahn und überschatten das alltägliche Miteinander ohne große Vorwarnung; so unverhofft, als gäbe es die zigtausend Kilometer luftleeren Raum zwischen unserem blauen Planeten und der Raumstation nicht.

Allen vorkommenden Charakteren, durchweg Persönlichkeiten und als solche hingebungsvoll dargestellt, wurde im wahrsten Sinne Leben eingehaucht, das eine ganz besondere Bindung beim Lesen geschaffen hat, weil der Eindruck entsteht, dass man den Personen „hinter die Stirn gucken kann“. Die Szenarien sind grandios ausgearbeitet, sodass es von Beginn an leicht fällt, sich in die Geschichte fallen zu lassen und dabei alle Höhen und Tiefen emotional mitzuerleben, das für mich unbestritten den großen Reiz an diesem ausgezeichnet verfassten Roman ausmacht. Obwohl man sich einigem an wissenschaftlichen Theorien und Prozessen ausgesetzt sieht, wird man hiervon nicht überfordert oder erschlagen. Für mich war eher das Gegenteil der Fall, alles Beschriebene macht neugierig und lässt einen tatsächlich darüber nachdenken, wie das alltägliche Leben im All wohl sein mag. Der gesamte Ablauf des Romans greift so flüssig in einander und setzt immer wieder Schlüsselreize, dass man kaum richtig Zeit zum Durchatmen hat.

Ohne Frage muss man sich darüber klar sein, dass es sich bei Eden One nicht um einen lustigen Feierabendroman handelt, der als seicht dahinplätschernde Lektüre praktisch nach der letzten Seite abgehakt wird.
Das „Erlebte“ wirkt nach und hinterlässt Spuren, die einem über das Ende hinaus grüblerische Stunden bescheren, was die Welt der lesbischen Literatur zwischendurch immer sehr gut vertragen kann.

Ich persönlich freue mich nach dem Lesen von „Eden One“, dass Martina Bernsdorf sich nicht davor gescheut hat, kritischen Themen deutlich eine Stimme zu verleihen.
Der Daumen geht begeistert nach oben und das Buch erhält meine ausdrückliche Leseempfehlung!

Eden One, September 2015, Taschenbuchausgabe, 382 Seiten, Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform

 

Pin It on Pinterest

Share This