Obwohl das 192 Seiten starke Paperback in Pink schon einige Zeit den Buchmarkt besiedelt hat, ist es definitiv eines, dass ich allen Serienjunkies wärmstens empfehlen kann. Vor allem denen, die sich keinen Kopf darüber machen, wie aktuell im Buch genannte Soaps, Sitcoms und Co sind – die Inhalte dieser sind (noch immer) entscheidend!

Zieht frau (ich) mal ein Resümee ihres eigenen Lebens und betrachtet dabei ausschließlich die Sparte der körperlich weniger aktiven Stunden ihrer Freizeitgestaltung, ja ganz richtig, die, die sie mit der Fernbedienung in der Hand – oder vor grauer Urzeit auch noch ohne – vor dem Fernseher verbracht hat, dann kann es tatsächlich passieren, dass ihr bewusst wird, wie sehr sich die Film- und Fernsehlandschaft dahin gehend verändert hat, wie mehr oder weniger selbstverständlich heutzutage mit dem Thema ‚lesbische Liebe‘, bzw. gleichgeschlechtliche Beziehungen im TV im Allgemeinen umgegangen wird.

Okay, kurz nachgedacht – NATÜRLICH gibt es auch heute noch immer Unmengen an Verbesserungspotential auf dem Glotze-Sektor, allerdings ist das nichts gegen „früher, als alles ja noch besser war“. Aus aktueller Sicht schüttelt man vielleicht belustigt den Kopf über manches vor Jahren Gezeigte, aber es hat tatsächlich Aufstände wegen sich küssender Frauen gegeben. Schon verrückt, wie offen wir doch inzwischen sind, ich könnte fast schreien vor Glück. (Ironische Untertöne möge man mir bitte an dieser Stelle verzeihen.)

Ich selber mache mir mit Wonne mein Köpfchen über solche Dinge.

Zum Beispiel kam irgendwann die Frage auf (als ich selber noch nicht wusste, wie ich ticke), warum mich bestimmte Filme oder Serien bei Weitem mehr interessieren, in denen es den Anschein macht, zwei Frauen stünden sich näher, als es nach meinem damaligen Verständnis einer Freundschaft der Fall wäre, als wenn Jonathan und Jennifer Heart mit Friedwart und ihrem Butler Max im Mercedes SL Cabrio gen Sonnenuntergang fahren (Hart aber herzlich, 1979-84)?

Nun ja, aus heutiger Sicht lache ich nur zu gerne über solche Fragen, denn die Antenne für den schwul-lesbischen Subtext ist mir ja anscheinend in die Wiege gelegt worden.
Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, Ernie oder Bert zu trennen und einem von ihnen eine Freundin auf den Leib zu dichten, es lebe die Männer-WG in der Sesamstraße.

Viel spannender, mit eindeutig zwanghaftem Verlangen, sich damit näher zu befassen, wurde die ganze Thematik, als die grauen Zellen in Wallung kamen und meine eigene Welt die ersten lesbischen Tendenzen aufzeigte.
Damals noch in nicht internetgestützter Recherche und Meinungsaustausch mit seidenem Halbwissen im Kreise derer, die einen bei den ersten ‚Gehversuchen‘ unterstützt haben, wurde über manchen Film und Serieninhalte lang und breit diskutiert und es fielen Sätze wie ‚meinst Du, die ist lesbisch‘ oder ‚hab nur ich das Gefühl, da wollen die Filmemacher vermitteln, dass die zwei Mädels was miteinander haben?‘ – Ja, schön war es damals, es lebe der rege Meinungsaustausch und die Gerüchteküche von früher. Göttin, waren wir jung und naiv.

Wie der Zufall es Jahre später manchmal so einfädelt, begegnen einem manche Themen unglaublicher Weise ja des Öfteren im Leben. Warum denn Gutes auch einschlafen lassen? So ploppt in Abständen auch besagte Thematik ‚Lesben in Film und Fernsehen‘ im eigenen Umfeld auf und wird aufs Neue mit Hingabe durchdiskutiert.

Das Schenkelklopfen geht von vorne los, es wird trotz der silbernen Einschüsse in der Haarpracht, albern herumgequietscht und begeistert in die Hände geklatscht, wenn es doch mal wieder eine Serie „erwischt hat“. Die Affinität ist seit Jahren ungebrochen und wird zelebriert – jedenfalls dachte ich das bisher.

Nachdem ich vor Kurzem allerdings das Buch „Wenn Ally Frauen küsst“ (erschienen 2003) gelesen habe, das mir durch ein glückliches Los zugespielt wurde, würde ich sagen ‚alles auf Anfang‘. Zelebrieren und Hingabe geht deutlich weiter, als es bis dato bei mir der Fall war…

Jutta Swietlinski, deren Arbeit als Lektorin ich bisher durch Bücher von Martina Bernsdorf kenne, hat sich in diesem Buch praktisch einem Aufklärungsauftrag verschrieben, um uns LeserInnen, Lesben und jede(n), die/den es interessiert, auf die Entwicklung der lesbischen Präsenz im Fernsehen aufmerksam zu machen – und das für MICH mit deutlichem Aha-Effekt.

Obwohl das Buch nunmehr vor über zehn Jahren erschienen ist, verschafft die Autorin unbestritten auch heute so manchen Blick hinter die (lesbischen) Kulissen der amerikanischen Serien-Welt, und das in doppeltem Sinne. Denn auch heute sind Serien wie Ellen, Roseanne, Xena und Co in der LGBT-Gemeinde noch immer Thema, inzwischen sogar mit Kultcharakter. Vielleicht heute sogar mehr denn je und nicht nur bei denen, die diese als Neuerscheinungen begleitet haben.
Zugegeben, nach Lesen der Inhaltsangabe und des Vorwortes dachte ich ‚Oh, da erwartet dich einiges‘, u. a. geschuldet den vielen Danksagungen, die eindeutig zeigen, dass es wirklich ein Stück Herzblut ist, was Jutta Swietlinski da zu Papier gebracht hat. Auch war ich ein wenig verunsichert, ob mein Hintergrundwissen bzw. die gesehenen Folgen der diversen Serien reichen würden, um folgen zu können. Diese Bedenken haben sich jedoch so schlagartig nach den ersten Zeilen gelegt, dass ich mich beim Lesen bestens aufgehoben gefühlt habe.

„Wenn Ally Frauen küsst“ ist toll zu lesen, weil die Autorin stilistisch beim Schreiben und in der Recherche ganze Arbeit geleistet hat!
Die Kapitel sind klasse strukturiert, größtenteils unter Berücksichtigung der (echten) gesellschaftlichen Entwicklung im Verlauf der verschiedenen Serien, deren einzelnen Staffeln und Folgen. Das Beleuchten der US-Serien, auf ihren Gehalt an lesbischen Inhalten hin, geschieht wirklich eingehend und ist daher meiner Meinung nach auch für LeserInnen verständlich und nachvollziehbar, die bei Weitem nicht so tief in der Serien-Materie stecken. Und auch über das Analysieren des lesbischen Augenmerks hinausgehende Themen, wie z. B. der erste schwarz-weiße Kuss im TV (Raumschiff Enterprise in den späten 60ern), und andere Aspekte, die unsere kulturelle Entwicklung beeinflusst haben, finden ihre Erwähnung. Man(n) braucht also keine Angst zu haben von lesbischer Präsenz erschlagen zu werden. Es geht vielmehr um Augen öffnen, Zwinkern, nachdenklich machen und auffordern, sich auch mal wieder die „ollen Kamellen“ zu geben.

Also an alle, die interessiert sind, Bock auf Kult haben und gern in Erinnerungen schwelgen, „Wenn Ally Frauen küsst“ könnte Euch gefallen…

Nebenbei sei verraten, dass ich inzwischen jedes Mal beim Blick aufs Cover lächeln muss, weil mir diese Schlagworte ‚literarisches Bildungsfernsehen‘ in den Kopf schießen. Denn genau DAS war dieses Buch für mich – großartige Auf- und Erklärung zu vielen alten US-Serien, die manchmal auf ersten Blick nur „beflimmerten“ und für mich wenig gehaltvollen erschienen.
Aber wie so oft im Leben liefern uns die Alten auch gerne Beweis und Anreiz dafür, wie lohnend ein zweiter Blick sein kann.
Sicher ist eines – „Ally“ bekommt in diesem Jahr meinen ‚Buch mit der Maus‘-Button.

Wenn Ally Frauen küsst – Lesben in Fernsehserien, VÖ 2003, Taschenbuch, 192 Seiten.

 

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