Das lag gewiss auch daran, dass ich mich in Liebesdingen definitiv zu den Spätzündern zähle und dieses Alter seinerzeit dezent habe links liegen lassen, was mein Lesbischsein anging. Daher meinte ich wohl auch, die emotionale Entwicklung in diesem Alter für mich nicht reflektieren zu können.

Ja liebe/r LeserIn, Augenverdrehen ist erlaubt! Frau kann wirklich engstirnig oder besser mental off sein, ich weiß es im Nachhinein auch.

Wie sich unschwer erkennen lässt, verflogen diesbezügliche Bedenken beim Lesen letztlich komplett. Ich war tatsächlich erstaunt, wie sehr und wie schnell mich dieses Buch eingefangen hat.
Julia Mayer hat mit „Frostbiss“ eine Geschichte zu Papier gebracht, die meiner Meinung nach glatt als Real Life-Doku bezeichnet werden könnte. Es ist ein Buch über Lernen, Liebe und das Leben mit vielen seiner Tücken und Facetten, nicht nur wenn es um gleichgeschlechtliche Beziehungen geht…

Jeder empfindet es natürlich anders, aber wie haben die zwei Hauptcharaktere auf MICH gewirkt?
Dörte – Zu Beginn dachte ich noch „Hm, die Dörte, musisch angehaucht, eigentlich ziemlich begabt, was das Einschätzen des Lebens angeht, aber sich vor dem eigenen Selbst verstecken wollen, na das kann ja was werden“. Je mehr ich aber gelesen habe, umso greifbarer wurde Dörte für mich.
Ihr Weg, sich selber zu finden und sich den Reaktionen ihrer Umwelt auf das Coming Out zu stellen, oder besser auf das unfreiwillige Outing, sind auf ihre Weise absolut nachvollziehbar dargestellt.
Ich kann nicht umhin zu sagen, dass die junge Frau für mich im Verlauf der Handlung am meisten wächst und gewinnt, weil ihr Auseinandersetzen dem Leser am eingängigsten dargelegt wird.

Letztlich gilt eine Aussage für das gesamte Buch, denn Verbindungen zum echten Leben und Verständnis gegenüber dem Benehmen einzelner Charaktere lassen sich meiner Meinung nach eine ganze Menge herstellen.
Und nun weiter…

Philippa – die ‚Neue‘ in der Klassengemeinschaft, in der Dörte und sie sich kennenlernen. Die Outsiderrolle, die sie von Beginn an innehat, zieht sich wie ein kleiner roter Faden durch.
In der Beziehung der beiden jungen Frauen stets die distanziertere Person, immer darauf bedacht, was das Umfeld über sie denkt, Fehler vermeidend, karriereorientiert und fortwirkend irgendwie unterkühlt. Eigenschaften, die sie von da an scheinbar ablegt, wo sie mit Dörte zusammen kommt, allerdings nur in den Momenten, in denen die zwei allein sind, von der Welt unbeobachtet.
Genau dieses Verhalten verpasst ihrem Charakter über den gesamten Romanverlauf das Prädikat der leicht divergenten Protagonistin. Resümierend ist das Verhalten aber wohl eher mit dem Arme Socke-Schildchen zu bedenken, wie bei allen Menschen, die sich komplett nur darauf konzentrieren, was die Umwelt über sie denkt, anstatt auf sich selbst und das eigene Glück.
Ich empfand die Distanz zu Philippa beim Lesen nicht als sonderlich störend, da mir solches Verhalten bereits oft genug begegnet ist. Auch solche Rollen verpasst nun mal das Leben…

Bei den Nebendarstellern ist mir Ulis (Ulrikes) Charakter, neben Dörte, am meisten unter die Haut gegangen.
Die Begleitpersonen Uli, Vera und diverse Mitschüler, sowie die Familien der zwei Teenagerinnen, haben in den Passagen, in denen sie auftauchen, wichtige Bedeutung, um die Umwelt der Mädchen „reagieren zu lassen“. Auch diese Personen sind in ihrem Handeln gut beschrieben, wenn doch mit weniger Einblick in emotionale Hintergründe.
Ab und an hätte ich mir als Wegweiser für manchen (außenstehenden) Leser, der kleine Hinweise in dieser Art Literatur sucht, fast noch ein Quäntchen mehr Einsicht in die Köpfe der begleitenden Akteure gewünscht. Ich glaube trotzdem, alles Begleitende ist ausreichend beschrieben, um Verständnis fürs Umfeld zur Beziehung der zwei jungen Frauen zu entwickeln.
Zugleich ist es erschreckend, wenn man sich der Thematik Homophobie durch eben dieses Umfeld von Dörte und Philippa wieder bewusster wird.

Der überwiegend melancholische Unterton des Romans hat mir sehr gefallen. Er hat dazu beigetragen, selbst in den Passagen, die absolutes Hochgefühl hätten vermitteln müssen, den Zwiespalt der Schlüsselfiguren um ein Coming Out und das Geheimnis um ihre kleine Welt präsent zu halten.
Die Wahl der schriftstellerischen Mittel, sprich Wortwahl und schriftlicher Ausdruck machen einem das Lesen auf ansprechende Weise leicht, ohne dabei „einfach“ zu wirken. Wirklich angenehm.
Für mich war die Erzählweise genau richtig gewählt, um des Lesers Augenmerk auf die (junge) Geschichte zu fokussieren und ihm das Gefühl zu vermitteln, er habe schlichtweg mit dem normalen Leben zu tun.
Ich denke, nichts wäre in diesem Roman störenden und unpassender gewesen, als hochtrabend linguistische Satzkonstellationen, die sich gefühlt in einer anderen Welt bewegen.
Mayer hat es bestens verstanden, das Leben zweier Teenagerinnen, Schülerinnen, Mädchen, die sich in einander verlieben und plötzlich mit neuen Gefühlen und Situationen umgehen müssen, sprachlich „echt“ und im Mittelpunkt zu halten. Und gerade das Einfließen der vielfältigen Gefühle, wenn man u. a. die emotionalen Achtenbahnfahrten eines Beziehungslebens reflektiert, war für mich passend verteilt und glaubhaft.

Ich konnte den Roman seinerzeit tatsächlich nur schwer aus der Hand zu legen. Es ist meiner Meinung nach ein gutes Zeichen, wenn man an einigen Stellen eines Buches auch Herzrasen verspürt, positiv wie negativ. Ich habe mich „in der Geschichte“ gefühlt und bestimmte Geschehnisse kopfnickend bestätigen können.
Für mich ist es tatsächlichimmer wieder spannend, wie sehr Bücher persönliche Erinnerungen wieder präsent machen können: lächelnde Herzen, Seufzen und Salz in alten Wunden…

Im Nachhinein bin ich verblüfft, ein wenig erschrocken und unbestritten schwer angetan von Julia Mayers Buch. Es hat mir Manches aus meinem früheren Beziehungsleben nochmal mit der Unverblümtheit des Lebens vor den Latz geknallt und trotz der erst im leicht fortgeschrittenen Alter gemachten Erfahrungen am eigenen Leibe ein, zwei Spiegel hochgehoben. Der Epilog spricht für mich Bände…

Der Autorin gilt mein Dank für diesen toll geschriebenen Roman, der sich nach „mitten aus dem Leben“ anfühlt und nicht wirklich mit Schmachtfetzen zu tun hat, die einem nur eine heile Welt zeigen wollen.
Von mir gibt es für „Frostbiss“ eine klare Leseempfehlung, egal für welche Altersgruppe und ob gleichgeschlechtlich lebend oder in welcher Gemeinschaft auch immer.
In diesem Buch ist mehr zu entdecken als ein offensichtlicher (Jugend-)Roman um lesbische Liebe und ein Coming Out… Ein Buch zum Kopf einschalten und Hingucken, das einen beim Lesen jedoch nicht mit Schwere erschlägt!

Frostbiss von Julia Mayer, Taschenbuch: 314 Seiten; ISBN-10: 1508411182

Verlag: CreateSpace Independent Publishing Plattform; Auflage: 1 (14. Februar 2015)

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