Als ein arbeitsloser Vetter bei einem Besuch ihr Geheimnis entdeckt, erkaufen sie sein Schweigen dadurch, dass sie ihn finanziell unterstützen und in ihrer gemeinsamen Wohnung wohnen lassen. Eva lernt eine Armenärztin kennen und lieben, Heinrich verliebt sich in einen kommunistischen Kader. Ihr Glück bleibt nicht lange ungetrübt, denn ihre Tante kommt nach Berlin, um nach dem Rechten zu sehen. Auch die politische Lage verdüstert sich und Evas und Heinrichs Leben nehmen eine unerwartete Wendung.

Über die Autorin

Heny Ruttkay, geboren 1961 in der Slowakei, ist im Alter von elf Jahren nach Deutschland gezogen. Nach dem Abitur in Böblingen hat sie in Erlangen, Tübingen, München und Paris Biologie (Doktorat) studiert. Nach mehrmaligem Berufswechsel arbeitet sie heute im Bereich Export in Paris. Gestohlene Tage ist ihr zweiter Roman.

Leseprobe

Ich hatte gedacht, der Klub Monbijou würde mich einschüchtern. Nicht die gediegene Lage in der Lutherstraße oder die hochwertige Einrichtung, diese hielt ich für selbstverständlich, aber Louise und andere Freundinnen hatten mir so oft mit vor Ehrfurcht gedämpfter Stimme von den zahlreichen berühmten Mitgliedern erzählt, dass ich erwartet hatte, selbst von der gleichen fiebernden Bewunderung für diese oder jene prominente Frau ergriffen zu werden, sollte ich sie erst einmal mit eigenen Augen erblicken.
Dann entdeckte ich, dass die sehr populäre Tänzerin aus der Nähe übel roch, die Schriftstellerin, deren Bücher ich alle gelesen hatte, eine wortkarge graue Maus war, die europaweit bekannte Malerin hochmütig und kalt wirkte, und die Sängerin, nach der alle Frauen verrückt waren, einer Tante von mir ähnelte, die ich nicht ausstehen konnte. Die zahlreichen Klubmitglieder, die wie treue Satelliten um diese und andere Berliner Sterne kreisten, fand ich allesamt viel attraktiver und interessanter und konnte einfach nicht verstehen, wieso sie diesen faden Frauen so  huldigten.
Eines Abends, kurz nachdem ich Mitglied geworden war, sprach ich den Gedanken vor Esther laut aus.
Sie schlug ihre sensationell langen Beine übereinander – ausnahmsweise trug sie einen schmalen Rock – und zog an ihrem Zigarillo.
„Es ist ja nicht ihr Aussehen oder ihre Ausstrahlung, die den anderen Damen wichtig sind, sondern ihr Talent.“ „Nun, dann können sie ja ihre Bücher oder Bilder kaufen oder ihnen im Theater applaudieren, aber sie müssen sie ja nicht so anhimmeln.“
Esther lachte leise. Es war noch früh und die tiefen Klubsessel nur spärlich besetzt. Überhaupt war es zwischen Weihnachten und Neujahr etwas stiller geworden, als holten alle Atem vor der nahenden Silvesternacht.

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