1.Kapitel

 

Es regnete. Falls man das überhaupt als Regen bezeichnen konnte. Denn man sah kaum die Hand vor Augen und einzelne Tropfen waren erst recht nicht auseinander zu halten. Es war einfach nur eine große, graue Wand, die vom schwarzen Himmel herab stürzte. So als wolle sie die Welt in ihren Fluten ertränken. Breite Wasserrinnsale rannen an den Seiten die Straßen hinab und auf den Gehsteigen bildeten sich große Pfützen. Die Straße war überfüllt mit hupenden Pkws, die kreuz und quer zu fahren schienen und auch der Gehsteig war auf Grund der vielen Regenschirme nicht mehr zu überblicken. Ein großer LKW fuhr mit voller Fahrt durch eines der großes Rinnsale und überschwemmte dadurch den neben sich liegenden Gehsteig mit einer wahren Sintflut.

>>Verdammt, du Trottel, kannst du denn nicht kucken wo du hinfährst?!<<

Wäre sie nicht so klitschnass gewesen, hätte Alec McConner sicherlich vor Wut gekocht. Der Wasserschwall hatte sie jedoch voll erwischt und was der Regen bis jetzt noch nicht geschafft hatte, war nun besiegt worden. Nicht einmal mehr ihre Lederjacke hielt dem Wasser stand und sie spürte wie die kalte, klamme Feuchtigkeit in ihre Haut und ihren Körper drang. Sie bekam Gänsehaut.

>>Toll, wirklich klasse. Der hat seinen Führerschein bestimmt auch bei einem Preisausschreiben gewonnen<<, schimpfte sie laut weiter und sah dabei an sich herab. Ihre Kleidung klebte wie eine zweite Haut völlig durchnässt an ihr. >>Super, ich sehe aus wie ein begossener Pudel, der vom Regen in die Taufe geraten ist.<<

So hatte sie sich ihren ersten Tag in New York nicht vorgestellt. Es sollte zwar erst mal ein kleiner Urlaub werden, jedenfalls hatte sie dies ihren Eltern erzählt. Jedoch war ihr klar, dass sie hier einen Neuanfang starten wollte. Mit frischer Hoffnung auf die Zukunft war sie kurzfristig von Chicago hier her aufgebrochen. Ohne vorher irgendwelche Vorkehrungen zu treffen. Jetzt bereute sie es. Sie hätte sich wenigstens schon mal im Voraus ein Hotelzimmer oder ähnliches suchen sollen. So jedoch stand sie völlig allein und klatschnass in einer ihr fremden Stadt. Einen kurzen Augenblick lang fühlte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes verloren und wollte sich einfach nur noch wie ein Häufchen Elend in einer trockenen Ecke verkriechen.

Jetzt reiß dich aber etwas zusammen, du Weichei, schallt sie sich in Gedanken selber. So schnell würde sie nicht aufgeben. Und eine trockene Ecke war hier sowieso nicht mehr zu finden.

Sie sah sich kurz um. In den Läden wuselte es nur so vor Leuten und auch sämtliche Geschäfts- oder Hauseingänge waren voll gestopft mit Leuten, die versuchten, den Wassermassen von oben zu entkommen. Also bog sie von der überfüllten Hauptstraße in eine kleine Seitenstraße ein, um so dem Geschiebe und Gedränge zu entgehen. Dort entdeckte sie nur ein paar Schritte von sich entfernt ein hell leuchtendes Barschild.

>>Lady´s<<, las sie laut und ging langsam darauf zu. >>Klingt nicht schlecht.<<

Und da sie sich ihres vor Kälte zitternden Körpers durchaus bewusst war, beschloss sie, dass ein schöner heißer Kaffee jetzt genau das Richtige wäre. Ohne zu zögern öffnete sie die schwere, mit Schnitzereien verzierte Holztür und betrat einen großen, wohlig warmen Raum.

Dieser war von Zigarettenrauch, Kerzenduft und hunderte verschiedener Parfum- und Deodüften erfüllt. Suchend sah sie sich um und entdeckte einen noch freien Hocker direkt an der Theke, die aus dunklem Eichenholz bestand und fast den ganzen hinteren Teil des Raumes einnahm. Schnell, damit ihn ihr keiner wegschnappte, ging sie hin und ließ sich erleichtert darauf fallen. Die Bedienung grinste sie frech an.

>>Bier oder doch lieber was stärkeres?<<, fragte sie, während sie Alecs nasse Sachen mit einem schiefen Seitenblick begutachtete.

>>Ein starker, heißer Kaffee genügt, danke<<, antwortete Alec und erwiderte das freche Grinsen.

Die junge Frau nickte und verschwand. Währenddessen kam es Alec so vor, als wären sämtliche Augen der anwesenden Gäste auf sie gerichtet. Möglichst unauffällig drehte sie sich auf ihrem Hocker etwas und sah sich um. Dabei stellte sie fest, dass ausschließlich Frauen in der Bar saßen. Entweder zu dritt oder zu viert an einem Tisch, manche hatten auch mehrere Tische zusammen geschoben und saßen in einer großen Gruppe. Ein paar wenige hatten sich nur zu zweit in kleinen, etwas dunkleren Nischen verkrochen. Aber es war kein einziger Mann unter ihnen. Alec musste unbewusst grinsen.

Eine Lesbenbar, schoss es ihr durch den Kopf.

Jetzt verstand sie auch, warum sie sich so beobachtet fühlte. Sie war hier fremd und sozusagen Frischfleisch. Abermals musste sie grinsen und musterte dann die Bedienung neugierig von oben bis unten, als diese mit einer dampfenden Tasse zurück kam.

Auf den ersten Blick gab es nichts Außergewöhnliches. Sie hatte eine normale Größe und Figur, blondes Haar und leicht gebräunte Haut. Garantiert aus einem Sonnenstudio. Ihre Stimme hatte den selben melodiösen Klang, den Alec bereits von ihrer Großmutter kannte.  Es waren die Augen, die Alec in ihren Bann zogen. Sie waren groß mit langen Wimpern und hatten eine Farbe, die Alec unweigerlich an den Schimmer des Meeres erinnerte, das an der irischen Küste seinen Wellen brach. Ein so dunkles Blau, wie der reinste Saphir, mit einem grünen oder eher türkisenen Touch darin. Sie schienen so tief, dass man sich darin verlieren konnte. So geheimnisvoll. Und so traurig. Das verwunderte und faszinierte Alec am meisten.  Die Frau lachte und strahlte und schäkerte mit den Gästen. Doch es blieb immer dieser traurige Glanz in den wunderschönen Augen.

>>So, bitte schön. Frisch gebrüht und wie verlangt stark und heiß<<, riss sie die Stimme der Bedienung aus ihren Gedanken. Und nur mit Mühe gelang es Alec sich von ihren Augen zu lösen. >>Brauchst du Milch oder Zucker?<<

>>Nein, ich trinke ihn schwarz, danke.<<

>>Du bist neu in der Stadt, nicht wahr?<<, fragte die Bedienung neugierig.

>>Ja<<, antwortete Alec. >>Neu und fremd. Woher weißt du das?<<

>>Ich kenne jeden, der hierher kommt.<<

>>Dann musst du aber sehr oft hier sein<<, meinte Alec, als sie einen schnellen prüfenden Blick über ihre Schulter in den vollbesetzten Raum warf.

>>Kann man so sagen, ja<<, nickte die junge Frau und Stolz trat in ihre Augen. >>Mir gehört nämlich der Laden.<<

Alec musste sie etwas erstaunt, wenn nicht sogar dämlich angesehen haben, denn sie

begann herzhaft zu lachen und reichte ihr dann die Hand.

>>Ich bin Shian O´Bralley<<, stellte sie sich vor. >>Aber meine Freunde nennen mich einfach nur Shi. Und jetzt kuck nicht so ungläubig. Sag bloß du gehörst auch zu dieser zurückgebliebenen Mehrheit, die in der heutigen Zeit immer noch glaubt, dass nur ein Mann eine Bar führen kann?<<

>>Nein, das ist es nicht<<, wehrte Alec ab. >>Ich habe nur noch keine Frau kennen gelernt, die das wirklich tut. Aber ich finde das toll. Ehrlich.<< Verlegen trank sie einen Schluck von ihrem Kaffee. >>Dein Name klingt so wie dieses scharfe Gewürz<<, stellte sie dann fest, um das Thema zu wechseln.

>>So ähnlich. Nur anders geschrieben und mit der Betonung auf dem `a´.<< Shian sah Alec warnend an. >>Ja keine dummen Sprüche! Das durfte ich mir schon genug anhören.<<

>>Warum, ist doch ein schöner Name<<, meinte Alec und wiederholte ihn dann, wobei sie jede Silbe auf ihrer Zunge zergehen ließ.

Ein Prickeln durchfuhr Shians Körper. So wie sie ihn, mit ihrer tiefen, kehligen Stimme aussprach klang er wirklich sehr schön. Schnell verdrängte sie diesen Gedanken wieder. >>Hast du auch einen Namen?<<

>>Oh, bitte entschuldige. Wie unhöflich von mir.<< Sie reichte ihr die Hand und lächelte dabei leicht. >>Ich bin Alec.<<

>>Nur Alec?<<

>>McConner.<<

>>Oh, auch ein irischer Name<<, bemerkte Shian erstaunt. >>Aus welchem Teil von Irland kommst du?<<

>>Schwer zu sagen“, antwortete Alec und als sie sie daraufhin nur fragend ansah, begann sie zu erzählen.

>>Meine Eltern wohnten ursprünglich im Nord-Westen, sind jedoch nach Amerika ausgewandert. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen die ständigen Unruhen und Aufstände im Norden. Und zum anderen bekam mein Dad, nach dem seine alte Firma Bankrott gegangen war, in Chicago einen neuen und, wie er fand, besseren Job angeboten. Ich wurde zwar in Irland geboren, aber aufgewachsen bin ich in Amerika. Nach Irland komme ich nur, wenn ich meine Großmutter besuche, die im Westen lebt.<< Alec machte eine Pause und trank einen kräftigen Schluck Kaffee.

>>Bist du dann irische oder amerikanische Staatsbürgerin?<<

>>Beides. Ich habe einen irischen und einen amerikanischen Pass. Das ist einfach leichter, zumal meine Großmutter ja immer noch im Westen lebt und ich sehr oft bei ihr bin. Aber irgendwann werde ich mich wohl entscheiden müssen, was ich bin.<< Alec lachte und sah sie dann neugierig an. >>Du kommst auch aus dieser Gegend, nicht wahr? Du hast denselben Klang in der Stimme wie meine Großmutter.<<

Als Antwort auf diese Frage bekam Alec nur ein stummes Nicken und der freundliche, offene Ausdruck auf Shians Gesicht verschwand schlagartig. Alec merkte sofort, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte und etwas verlegen trank sie ihren Kaffee voll aus. Dann legte sie großzügig Geld auf die Theke und erhob sich zum Gehen.

>>Willst du wirklich bei dem Wetter wieder raus?<<, fragte Shian und deutete mit einem Kopfnicken aus dem Fenster.

Draußen war es noch dunkler und unfreundlicher geworden. Der Regen hatte noch etwas zugenommen und zu allem Übel war auch noch Nebel aufgezogen, der sich langsam verdichtete.

Alec nickte und zog den Kragen ihrer immer noch nassen Lederjacke hoch bis zu ihrem Kinn.

>>Ich muss. Ich brauche eine Bleibe.<<

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