Leseprobe

»Die Schokolade schmeckt bitter. Die Schokolade schmeckt süß. Du hast sie mir übern Tisch gereicht als Imbiß für meine Heimfahrt. Ich muß wieder los. Und habe gleich jetzt im Kaffeehaus gekostet. Dein weißes Hemd öffnet sich über der Brust, der Mund wird mir plötzlich trocken. Du hast dich ja schön gemacht! Und ich muß wieder los. Laß uns noch kurz hier bleiben. Die Rechnung kommt sowieso. Ich muß aufbrechen. Ich will hierher zurück. 
Du bist gleich, Du bist anders: Geheimnis der Spiegelung. Wir befinden uns auf einem eigenen Kontinent. Was wir von einander erkennen, bleibt trotzdem unsagbar. Du bist gleich, Du bist anders. Wir berühren einander, versuchen wie nah wir uns kommen, unsere Haut als Membran, unsere Haut als Verbündete. Gleich bist Du, unsere Körper verstehen sich, Du bist anders, viele Einzelheiten lassen sich nennen. Doch das Entscheidende bleibt verborgen. Es ist so. Wir schauen nicht hinter den Spiegel. Wir müssen das auch nicht tun. Rätsel der Spiegelung. Aus dem Spiegel trittst Du auf mich zu, ich auf Dich. Keine von uns ist ein Narziß. Ich bin sicher, wir gehen uns nicht verloren, wenn wir ins Wasser greifen. Denn das müssen wir. Immer wieder. So ist es.«

Über die Autorin

1948 in Ulm geboren, Studium der Germanistik, Geschichte, Politik in München. Als schreibende Reisende und Gestalterin literarischer Projekte (z. B. des »Eislinger Poetenwegs«) gehört sie zu den wichtigen Autorinnen des Landes. Zahlreiche renommierte Preise und Stipendien, Mitglied u. a. im PEN. 1987 debütierte sie mit dem Gedichtband »Hinter der Stirn den Tod«. Bei Klöpfer & Meyer erschienen 1998 ihr »Polnisches Journal. Aufzeichnungen von unterwegs«, 2001 ihr Gedichtband »Vorausgeworfener Schatten«, 2003 »Pommes Frites in Gleiwitz. Eine poetische Topographie Polens« sowie zuletzt, 2008, der sehr gelobte Gedichtband »Was vor Augen liegt«.

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