Besonders die aufgeweckte Rothaarige hat es Mai Ling angetan. Eigentlich kann Mai Ling kaum noch etwas zum Staunen bringen. Elend kennt sie schon aus Shanghai gut genug. Ihre Familie verarmte, weil der Vater wegen politischer Aktivitäten verfolgt wurde. So war das Leben als wohlbehütete Tochter aus gutem Hause schon vorbei, ehe der Zuhälter Deng Wu sie nach Deutschland schmuggelte. Der geldgierige Chinese betreibt von Hamburg aus nicht nur Frauenhandel, er schreckt auch vor Kokaingeschäften mit Rechtsradikalen nicht zurück. Seine Dealerei hat schlimme Folgen für Mai Ling, die von den Männern brutal misshandelt wird. Als Retterin in der Not erweist sich ausgerechnet Deng Wus Schwägerin, eine »Langnase«. Die Deutsche versteckt Mai Ling bei einer Freundin, die die Schwerverletzte eher ungern aufnimmt: Die hübsche Alexandra mit dem kupferroten Haar zöge lieber weiterhin mit ihrer Anzüge tragenden Freundin Sarah durch die Bars. Sie liebt das Leben, hasst ihren Sekretärinnenjob und träumt von Erfolgen als Jazzsängerin. Doch mehr und mehr schließt sie ihren Schützling ins Herz. Die Ereignisse spitzen sich zu. Sarah, eine Jüdin, wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen, und Mai Lings Versteck fliegt auf. Erst als sie verschwunden ist, merkt Alexandra, dass sie sich längst in die Chinesin verliebt hat. Sie macht sich auf die Suche und kämpft für einen Ausweg für sich und Mai Ling…

Von einer zauberhaften Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, erzählt Tereza Vanek vor dem Hintergrund von Geschehnissen, die bereits das Jahr 1933 ankündigen. Die unbeschwerte Alexandra hört erstmals von Anfeindungen, denen Juden und andere Minderheiten ausgesetzt sind, und erfährt deren Brutalität am eigenen Leib. Zum historischen Hintergrund des Romans: Nicht nur in San Francisco oder London gab es Chinatowns. Auch in Hamburg entstand nach dem Ersten Weltkrieg ein chinesisches Vierte: im Stadtteil St. Pauli. Hamburger Reedereien beschäftigten zunehmend Chinesen, vor allem als Heizer und Kohlenzieher. Im Laufe der NS-Herrschaft gerieten die chinesischen Migranten verstärkt in den Blick der Behörden. Razzien gehörten zu ihrem Alltag. Im Zuge der »Chinesenaktion« 1944 nahm die Gestapo 130 chinesische Männer fest und verschleppte viele von ihnen in Arbeitslager. Nach der Befreiung zogen die Überlebenden aus Deutschland fort.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Eine menschenüberströmte Straße tat sich vor ihr auf. Die Große Freiheit von Altona. Mai Ling
versank in der Menge, spähte aufmerksam in jedes Frauengesicht, das an ihr vorübereilte. Vielleicht war es jetzt möglich, ein Gespräch mit der Sängerin zu beginnen? Sie könnte vorgeben, in dem Restaurant zu arbeiten, und den Auftritt der Musiker loben. Erwähnen, dass sie wusste, wo es hier in Hamburg die beste chinesische Garküche gab. Das stimmte zwar nicht, aber was machte das schon? Sie wollte nur hören, wie es klang, wenn das Mädchen redete, wollte sein Gesicht ein einziges Mal aus der Nähe betrachten. Aufgeregt lehnte sie sich an eine Hauswand.
Sobald die glitzernde Gestalt der Kupferhaarigen in dem Getümmel der Passanten aufleuchtete,
tat Mai Ling einen Schritt vorwärts. Ihr war schwindelig, als litte sie an Fieber, doch der unsinnige
Wunsch nach noch so flüchtiger Begegnung mit der Unbekannten trieb sie voran. Zwei Männer versperrten ihr kurz den Weg, sie schlüpfte schnell zwischen ihnen hindurch, konnte aber den Worten nicht ausweichen, die an ihr Ohr drangen. »Ich glaube, die kenne ich. Eine echte Chinesenhure. Die war richtig gut.« Sie selbst kannte den Mann nicht mehr, er gehörte zu einer unüberschaubaren Masse aus starren asiatischen und teigigen weißen Gesichtern, denen sie keinen Raum in ihrem Gedächtnis erlauben wollte. Trotzdem spürte sie sein Urteil wie einen Tritt in den Magen. Welchen Sinn machte es, mit einer Frau zu reden, deren Leben nichts mit dem ihren gemein hatte? Mai Ling starrte dem kupferhaarigen Mädchen kurz hinterher und empfand einen quälenden Stich in ihrem Herzen, als der leuchtende Haarschopf zwischen anderen Gestalten verschwand.

 

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